LVZ Muldental, 23.3.3009

Antirassismus-Demo
Polizei muss in 49 Fällen einschreiten

Wurzen (ws). Mit sichtlicher Distanz und bangen Gefühlen ließen die Wurzener gestern den fünften Antirassistischen Sonntagsspaziergang über sich ergehen. Einige der wenigen Bürger, die auf den Straßen anzutreffen und zu einer Äußerung bereit waren, drückten Unverständnis und auch Angst über die Aktion aus, die sie als „von außerhalb übergestülpt“ betrachteten. Andere beklagten den vielköpfigen Polizeieinsatz, den die angemeldete Demonstration, inklusive der kleinen Kundgebungen, im Zentrum Wurzens nötig gemacht habe, um Übergriffe und tätliche Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und rechtsextremistischen Kräfte zu vermeiden. „Was das uns Steuerzahler für Geld kostet“, sagte ein älterer Herr erbittert. Die Veranstaltung, zu der alle Bürger der Stadt eingeladen waren, hatte das „Antifaschistische Netzwerk Leipzig Land angemeldet und organisiert. Nach Aussage ihrer Sprecherin Juliane Nagel, Mitglied des Landesvorstandes Sachsen der Linken, ziele die Aktion darauf, neonazistischen Umtrieben, auch in Wurzen, einen Riegel vorzuschieben. „Wir wollen aber auch gegen das Desinteresse der Menschen, wiederum auch in Wurzen, ein Zeichen setzen.“ Gegen 14 Uhr setzte sich der Zug, den laut Polizei zwischen 250 und 270 Teilnehmer, zumeist junge Leute, bildeten, in Bewegung. Unter ihnen auch Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (Die Linke). Trotz aller Bemühungen der polizeilichen Einsatzkräfte konnten auf dem Marsch durch die Wurzener Innenstadt kleinere Rangeleien zwischen Demonstranten und rechtsextremistischen Gegnern nicht verhindert werden. Große Anstrengungen mussten die Beamten unternehmen, um Teile des Marschzuges davon abzuhalten, in die aus der Route heraus genommene Rathenaustraße einzudringen. Wie der Einsatzleiter, Polizeirat Reinhard Böttcher gegenüber der LVZ erklärte, habe man das Konfliktpotenzial wegen des dort ansässigen Versandhandels Front Records minimieren wollen. Sein Kollege, Vize-Einsatzleiter Jan Müller, Erster Polizeihauptkommissar, zog am Ende der Demonstration keine ganz friedliche Bilanz: Die Beamten mussten zwei junge Männer in Gewahrsein nehmen, 42 Platzverweise gegen Demoteilnehmer und Rechtsextreme aussprechen und fünf Straftaten aufnehmen, darunter einen Verstoß gegen das Sprengmittelgesetz. Zwei Straftaten, die aus dem Reihen der Demonstranten verübt wurden, lagen Beschädigungen an Pkw zugrunde. Im Vorfeld des Antirassistischen Sonntagsspazierganges hatte Oberbürgermeister Jörg Röglin gegenüber der LVZ erklärt, es sei bedauerlich, dass es seitens der Veranstalter keine Bestrebungen gegeben habe, ein überparteiliches Bündnis zu schmieden und einen Aufruf zu verfassen, der von einer breiten Bürgerschaft getragen werde. Mit dem vorliegenden Aufruf, in dem der Stadt pauschal Desinteresse und Ignoranz gegenüber dem Thema Rechtsextremismus vorgeworfen werde, habe man nur falsche Feindbilder geschaffen. „Das ist dem gemeinsamen Grundanliegen, Rechtsextremismus zurückzudrängen, nicht förderlich“, so Wurzens Oberbürgermeister.

EIN TAG SPÄTER

„Wir brauchen keine Randale“

LVZ-Umfrage: Wurzener lehnen Kampf gegen Neonazis in Form von Aufmärschen ab

Wurzen. Der „Antirassistische Sonntagsspaziergang“ des „Antifaschistischen Netzwerks Leipziger Land“ unter Führung der Linken-Politikerin Juliane Nagel ist bei den Wurzener Bürgern auf strikte Ablehnung gestoßen (wir berichteten). Bei einer Straßenumfrage gestern zeigte sich dasselbe Bild. Horst Kilsch (64) empörte sich über die ungebetenen Demonstranten „aus Leipzig und sonst woher. Was unser Oberbürgermeister in der LVZ gesagt hat, ist auch meine Auffassung. Wenn die Leute es wirklich ernst gemeint hätten mit ihrem Anliegen, dann hätten sie sich mit der Stadt verbündet. Wir brauchen keine Randale.“ Im Übrigen sei es bei den Angereisten nicht weit her gewesen mit ihrem Spruch, Gesicht zu zeigen. „Dann hätten sie ihre Sonnenbrillen und anderen Mummenschanz weggelassen. Dafür haben sie aber einigen Wurzenern Schläge angeboten, kann ich als Augenzeuge sagen. Kein Wunder, dass viele Einheimische Angst hatten, eins auf die Schnauze zu kriegen.“ „Gegen Neonazis Flagge zu zeigen, ist eine gute Sache“, sagte Matthias Berg (21). „Aber das sollte man in anderer, friedfertiger Form tun.“ Was am Sonntag abgelaufen sei, könne er nicht gut finden. Und dann das riesige Polizeikontingent. „Die Beamten hatten aber voll zu tun, die Aktion im Griff zu behalten. Nein, bei so etwas wie dieser sogenannten linken Demo mache ich nicht mit.“ Sylvia Kolodziej (41) hat für diese Art der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden keine Sympathie. „Einfach schon deshalb nicht, weil sich die Demonstranten allzu oft daneben benehmen. Und so geht der Schuss am Ende nach hinten los.“ „Das ist eine Affenschande in der Demokratie“, macht Joachim Vetter (65) seinem Ärger Luft. „Die reine Geldverschwendung, wenn man an die vielen Polizeibeamten denkt, die wegen der Leute von draußen gebraucht werden.“ Er könne nicht begreifen, „warum die, nur weil es auch in Wurzen so einen rechten Laden gibt, immer hierher kommen.“ Er sei seit Sonnabend Rentner, da habe er ab jetzt noch weniger Geld im Portemonnaie. „Aber für solche Aktionen wie die am Sonntag werden Beträge rausgeschmissen. Für die Förderung solcher Netzwerke und für die Polizeieinsätze, die erst durch sie notwendig werden. Die Gewalt ging von den sogenannten Linken aus, diesen Populisten.“ Claudia Ponitka (24) fand die Demonstration gefährlich. Sie habe keine Sympathie dafür. „Nicht überall kann die Polizei sein. Körperverletzung und Sachschäden sind, wie man aus anderen ähnlichen Aktionen weiß, nicht auszuschließen. Aber kann man was dagegen machen?“ Umfrage: Wulf Skaun

Standpunkt

Untaugliche Kampfmethoden

Mit dem „Antirassistischen Sonntagsspaziergang“ durch die Wurzener Innenstadt hat sich das „Antifaschistische Netzwerk Leipziger Land“ keine Freunde gemacht. Die Einheimischen, obwohl eingeladen, hielten sich der zum Teil martialisch anzuschauenden Demonstration nicht nur fern, sie lehnten sie ganz eindeutig ab. Es fällt auch dem neutralen Beobachter schwer zu erkennen, warum die Wurzener an solcherart Aktion teilnehmen sollten? Wer findet schon Gäste sympathisch, die sich selbst einladen, um den Hausherren zu rügen, er benötige Nachhilfe in Sachen Demokratie. Denn den Wurzenern pauschal zu unterstellen, sie gäben sich dem Thema Rechtsextremismus gegenüber desinteressiert und ignorant, daher müsste man ihnen ein Licht aufsetzen, das kann schon als Hausfriedensbruch verstanden werden. Es spricht, allgemeiner betrachtet, für ein merkwürdig abgehobenes, ja sektiererisch-elitäres Verhalten, das allen Sitten eines demokratischen Miteinanders Hohn spricht und daher von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Mit Parolen wie „Wir haben euch was mitgebracht: Hass, hass, Hass!“ macht man sich, auch wenn es gegen Neonazis gerichtet sein soll, zum Bürgerschreck. Und lässt die Frage aufkeimen, ob es den jungen, oft zugebrillten Köpfen eigentlich um die Sache geht, die sie vorgeben zu vertreten. Krawalle und Beschimpfungen, Angstmacherei und Beschäftigung der Polizei, wie leider am Sonntag zu erleben, passen da nicht ins Kampfarsenal. Mit „Terror-Tourismus“, wie manche Wurzener ihren Auftritt drastisch
ausdrückten, kann und will die Stadt nichts zu tun haben.

@w.skaun@lvz.de

Noch einen Tag später

Wurzener können es selbst beweisen

Zum Thema Antirassistischer Sonntagsspaziergang (LVZ vom 23. März) schreibt uns Frank Schubert aus Wurzen, der jetzt in Leipzig wohnt:
Oberbürgermeister Jörg Röglin bedauert in der LVZ, dass die Organisatoren des Antirassistischen Sonntagsspaziergangs am 22. März für ihr Vorhaben kein überparteiliches Bündnis geschmiedet und keinen
Demo-Aufruf verfasst haben, der von einer breiten Bürgerschaft getragen werden könne. Die Behauptung des Antifaschistischen Netzwerks Leipziger Land, die Etablierung der Naziszene in Wurzen sei eng mit „Desinteresse und Ignoranz der Stadtgesellschaft“ verbunden gewesen, mag als unberechtigt und zu pauschal angesehen werden. Es ist an den Wurzenerinnen und Wurzenern zu beweisen, dass das Antifa-Netzwerk in dieser Hinsicht daneben liegt. Niemand hindert Herrn Röglin und die Wurzener Bürger daran, selbst mit einem breiten Bündnis (ob nun überparteilich oder parteilos) etwas gegen rassistisches, faschistisches Gedankengut und ebensolche Taten sowie rechte (Infra-)Strukturen zu unternehmen. Ebenso muss eigentlich niemand auf eine „von außen übergestülpte“ Demonstration — so der Eindruck eines von der LVZ zitierten Bürgers — warten, um die unzähligen Aufkleber von sich als „Nationale Sozialisten“ oder „Autonomen Nationalisten“ bezeichnenden Nazis zu entfernen, die seit längerer Zeit die Stadt verschandeln. Eine Demonstration ist kein Allheilmittel und sicher nicht nach eines jeden Geschmack. Trotzdem handelt es sich dabei um ein legitimes Mittel, um Kritik an Entwicklungen zum Ausdruck zu bringen, die als gefährlich für die Zukunft der Demokratie wahrgenommen werden. Dass solche Formen der Meinungsäußerung auch Kosten verursachen, ist kein Argument gegen das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit, das seit 1990 auch in Wurzen gilt.

Satire die nicht gedruckt wurde

EINE REPORTAGE:

Personen & Aussagen in diesem Text sind erfunden; Ähnlichkeiten mit tatsächlich existenten Aussagen oder Personen sind reiner Zufall.
Jedoch beruht der Text auf wahren Begebenheiten. Für weiterführende Informationen vgl. die Satirezeitung LVZ, Lokalausgabe Muldental, 23.3.09

„Wo sind die Faschisten?“ Wurzen genügt sich selbst – kein Problem mit Neonazis

Qualitative Umfrage der Wurzenzeitung bestätigt: „Ringelnatz statt Wurzen“ ist antifaschistisches Paradies – wären da nicht die Auswärtigen

Beschaulich liegt das brachliegende Kleinod der Keksfertigung Wurzen, die selbsternannte „Ringelnatzstadt“, im Zentrum des „mitteldeutschen“ (vgl. www.npd-sachsen.de; www.mdr.de) Muldentals darnieder. Rentner bevölkern zahlreiche Fenstersimse des Altenheims mit Stadtstatus. „Ruhe und Ordnung“ sind hier nicht nur Phrase – den Großteil des Jahres ist Wurzen heimliche Modellstadt des jeweilig deutschen Innenministers; die „goldene Hausnummer für gelebte Ruhe“ ist ein (leider) nicht existenter Ehrenpreis der Wurzenstadt. Neonazis benötigt die Stadt überhaupt nicht, zeigt nun eine Umfrage der einzigen Tageszeitung im pluralen Mediendschungel des Muldentals. Anlass der Meinungseinnahme war eine Phantomdemonstration – ein Netzwerk „sogenannter linker Populisten, die nicht mal die DDR gutfinden“, so das Rentnerfazit, machte das einzige Nichtproblem der „Stadt (keine Nazis) zum Thema und bekam mächtigen Gegenwind geballter Wurzner Linientreue.

„Was wollen die Fremden hier – hier is alles sauber!“ Rentner Gerhard G. ist sauer. Seit Jahren engagiert er sich – zumeist hinter der Gardine – gegen faschistische Umtriebe in Wurzen. Demokratie lebt er wie soviele im verfallsbedrohten Paradies in den eigenen vier Wänden. Doch gestern hat es ihn mal wieder auf die Straße getrieben: demokratischer Ehrgeiz und die schöne Erinnerung an den „deutschen Herbst ’89″ lockten nicht nur ihn nicht. Der Rummel war in der Stadt und begeisterte vor allem Alt mit exotischen Fahrgeschäften. „Früher hatten wir nur Trabis und Schwalben“, lacht G kurz auf. Doch sogleich fällt sein sozialismusgestähltes Betongesicht wieder zurück in Falten: das buntgraue Zentrum stolz-ostdeutscher Arbeitslosigkeit lässt die vielbesungene Ruhe („Kühe, Schweine, Ostdeutschland“) an diesem mittelmäßigen Sonntag vermissen. „Strikte Ablehnung“ der Wurzner „Bürger“ begegnete dem antirassistischen Sonntagsspaziergang. Dieser stand „unter Führung“, hatte also eine Führerin, das meint ein bis über beide Ohren durch informierter Umfrage- und Schriftkundiger, Angestellter der Muldentaler Lokalausgabe des demokratischen Zentralorgans Wurzenzeitung. Den Sitz des Oberkommandos der „Führung“ braucht dieser Lokalfürst, „Abteilungsleiter Feindaufklärung“ (Visitenkarte), nicht zu benennen; den kennen „seine“ Wurzner schon.

Jährlich schickt das geheime rote Oberkommando, „die Führung“ (Wurzenzeitung), Rotfaschisten aus dem roten Leipzig zur aktionsorientierten Freizeitgestaltung. Nicht nur Gerhard G. weiß: in Wurzen gibt es kein Problem mit Nazis – bis „die Bekloppten von Außerhalb“ einfallen. In der Hinsicht herrscht in der Ringelstadtnatz ruheständige Einigkeit. Auch Rentner Horst bekennt sich zum innerwurzner Pluralismus, kommen doch die Auswärtigen „aus Leipzig und sonst woher. Was unser Oberbürgermeister in der Wurzenzeitung gesagt hat, ist auch meine Auffassung. Wenn die Leute es wirklich ernst gemeint hätten mit ihrem Anliegen, dann hätten sie sich mit der Stadt verbündet. Wir brauchen keine Randale.“ Doch die Randaletruppe „von draußen“ will Randale, „und so geht der Schuss am Ende nach hinten los“, meint eine angepisste Frühvierzigerin. Ob sie sich am Zurückschießen beteiligt hätte, lässt die sympathische Vordenkerin des bewaffneten Arms der Dorfjustiz erstmal offen.

Wie so wenige Rein-Wurzner an diesem Tag zeigt auch Rentner Horst gern und ungefragt sein faltiges Gesicht, weiß er doch um die abschreckende Wirkung dieser grunddemokratischen Nacktheit. Genau die vermisste Rentner-Horst aber bei den Auswärtigen. Denn die wollten offensichtlich gar nicht Gesicht zeigen, erzirkelschloss der augenzeugende Ruheständler: „Dann hätten sie ihre Sonnenbrillen und anderen Mummenschanz weggelassen. Dafür haben sie aber einigen Wurzenern Schläge angeboten, kann ich als Augenzeuge sagen. Kein Wunder, dass viele Einheimische Angst hatten, eins auf die Schnauze zu kriegen.“ Welche „vielen Einheimischen“ da von nicht-heimischen Schlägen bedroht wurden, ist für die alteingesessene „Bürgerwehr im Ruhestand“ (www.die-Renntner.de) braunglas-klar. Die „regional befreite Zone“ Muldental musste und muss nämlich gegen „die drohende Überfremdung durch Großstadtgesocks“ geschützt werden – erfolgreich zumeist, so die Bilanz unterm Lokalen Aktionsplan Muldental des örtlichen „Heimatschutzes“. Dass dies nicht der Polizei überlassen werden darf, zeigte sich nun wieder bei dieser „Affenschande in der Demokratie“; Neurentner Lutz (65) meint die Versammlungsfreiheit. „Sowas gab es früher nicht! Die reine Geldverschwendung, wenn man an die vielen Polizeibeamten denkt, die wegen der Leute von draußen gebraucht werden.“ Er könne nicht begreifen, „warum die, nur weil es auch in Wurzen so einen rechten Laden gibt, immer hierher kommen.“ Begreifen fällt nicht nur ihm schwer; viele Begriffe wiederum kennt er auswendig: „Die Gewalt ging von den sogenannten Linken aus, diesen Populisten.“

„Und die stören dann hier Ruhe und Ordnung!“, so ein weiterer Rentner im direkten Vergleich. „Ich kann nur sagen: zum Glück gibt es noch ein paar aufrechte Jugendliche, die die Innenstadt befrieden!“ Tatkräftig und vor allem ehrenamtlich (sic!), 364 Tage im Jahr. Wäre da nicht der Polizeischutz (größtenteils von außerhalb(!)) für die „fremdrote Demonstration“, die hier noch bekannte 99-Prozent-Quote des Wurzner „5-Jahresplans für gegen Randale“ (OB Ringelnatz) wäre in diesem Jahr übererfüllt worden.
Denn gegen diese „sogenannten Linken“ helfen sie aus, die defensiv-friedlichen, die wirklichen Wurzner Ordnungshüter. Die wenigen verbliebenen aufrechten Jugendlichen, ein eigentlich gar nicht so kleines Häuflein, welches den Vorstellungen des gelebten demokratischen Antifaschismus Wurzner Provenienz deutlichst entspricht. Äußerlich wie innerlich aufgeräumt tragen sie den Wurzner Volkswillen auf die Straße. „Wurzen erwache!“ Eine beliebte wie unnötige Parole, die (noch) nie jemand gebraucht hat, die aber eine Endlösung der Auswärtigen-Frage verheißt. Hoffnung keimt in der Ringelstadt Wurznatz, lebendig und bunt wie ihre Bewohner.

It goes on… LVZ MTL 26.3.

Standpunkt

Arroganz und Anmaßung

Sie kapieren nichts. Sie wollen nichts kapieren. Sie wollen „action“. Jedenfalls die, die den „Antirassistischen Spaziergang“ am 22. März in Wurzen zu einer Farce gemacht haben, was den Titel des vom Antifaschistischen Netzwerks Leipziger Land organisierten Aufmarsches betrifft. Sicher, das Anliegen ist wichtig. Daher wird es von der
demokratischen Mehrheit der Wurzener nicht nur nicht in Frage gestellt, sondern durch ihr alltägliches Verhalten unterstützt. Es gibt aber auch Menschen und Einrichtungen in der Stadt, die ganz aktiv und kontinuierlich allen Spielarten von Rassismus und Neofaschismus den Kampf ansagen. Mit friedlichen Mitteln, ohne Hass-Tiraden-Lautsprecher und gewaltbereites Getöse in martialischem Gewand. Dazu zählen die neue Rathausspitze, das Netzwerk für Demokratische Kultur, die demokratischen Parteien, die Jugend- und Sportvereine, natürlich die Schulen, um nur einige zu nennen. Sich mit ihnen und anderen Bürgern zu einem von allen, vor allem den Wurzenern selbst, gewollten Aktionsbündnis zusammenzuschließen, fiel den linksradikalen Organisatoren nicht ein. Ich vermute, weil sie sonst auf einen Teil der vermummten Mitläufer verzichten müssten, die einer ganz anderen Losung folgten. Im Internet kann man sie, kopfschüttelnd, lesen — „Wurzen: Sie wollen uns nicht? Wir kommen trotzdem!“ Daneben ist ein Mädchen abgelichtet, das sich die Augen zuhält. Das, so soll das Foto wohl lehren, blind gegenüber dem Neonazismus ist und daher auf die lichten geistigen Höhen der Heilsbringer geführt werden muss. Welche dummdreiste Arroganz, welche geistlose Anmaßung gegenüber mündigen Bürgern, die man nach offizieller Lesart doch für eine gute Sache gewinnen möchte. Doch demokratisches, einvernehmliches Miteinander geht anders. Und so bleibt mir unverständlich, warum die Linke des Landkreises, obwohl nicht Veranstalter, sich von dieser bösen Anti-Demokratie-Vorstellung nicht öffentlich distanziert.

Der LeserInnenbrief auf den Skun danach Bezug nimmt:

Einen Aufschrei durchzieht die Wurzner BürgerInnenschaft, glaubt man den am 24.3.09 veröffentlichen Meinungen zum 5. Antirassistischen Sonntagsspaziergang, der am 22.3.09 durch Wurzen führte. Gegen die auch vor Wurzen nicht halt machenden gewachsenen Aktivitäten von Nazis wie auch – symbolisch und im Zusammenhang mit dem UN-Tag gegen Rassismus – gegen die Unterdrückung und Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund, die sich im Alltag und durch staatliche Politik vollzieht – richtete sich die Demonstration. In der erzürnten Debatte um die Nicht-Wurzner, die am Sonntag zahlreich in der Stadt erschienen waren, werden mehrere Dinge ausgeblendet: die „Sonntagsspaziergänge“ wurden auch in den Vorjahren von den „Eingeborenen“ kaum wahrgenommen. Gerade im letzten Jahr war die Demonstration ca. 80 Nazis ausgesetzt, die die zumeist jungen Leute sogar versuchten tätlich anzugreifen. Wo waren denn all die aufrechten DemokratInnen, die sich nun lauthals gegen wahrnehmbare öffentliche Meinungsbekundungen gegen rechts – und damit gegen Grundrechte, wie das auf Versammlungsfreiheit und gegen Zivilcourage- aussprechen? Wer thematisiert das massive und überzogene Polizeiaufgebot, das den Demonstrierenden von Anfang an mit Aggressivität und Mißtrauen entgegentrat? Wer rückt die Nazis in den Fokus, die sich auch in diesem Jahr wieder versammelt hatten? Wer hat den Bürgermeister der Stadt daran gehindert auf das Netzwerk junger Leute aus dem Landkreis zuzukommen, und was das NDK, auf das in der Anfangsphase der Vorbereitungen zum 22.3. zugegangen wurde und was in einer ersten Version des Aufrufes zum Sonntagsspaziergang explizit als wichtiger Träger demokratischer Kultur in der Stadt hervorgehoben wurde, den Tag zu nutzen und die Wurzner BürgerInnen mit einem eigenen Aufruf für eine weltoffene, nazifreie Stadt auf die Straße zu holen? Sicherlich waren Erscheinungsbild und auch skandierte Sprüche mehr als gewöhnungsbedürftig. Es liegt in der Hand der Wurzner Bürgerschaft, ein Klima demokratischer Alltagskultur und Weltoffenheit zu leben, das einen anderen Anstrich und andere Methoden hat. Juliane Nagel

Von Wulf Skaun

Antifa-Aufmarsch „Kein akzeptables Mittel der Demokratie“

Wurzen. Mit der angeblichen Ignoranz der Bürger gegenüber dem Thema Rechtsextremismus rechtfertigte Juliane Nagel gestern Organisation und Verlauf des „Antirassistischen Sonntagsspaziergangs“ am 22. März in Wurzen. In einem Schreiben an die LVZ erklärte die Sprecherin des „Antifaschistischen Netzwerks Leipziger Land“: „Die ,Sonntagsspaziergänge‘ wurden auch in den Vorjahren von den ,Eingeborenen‘ kaum wahrgenommen.“ Man müsse aber gegen die auch vor Wurzen nicht halt machenden gewachsenen Aktivitäten von Nazis vorgehen.
Dagegen „richtete sich die Demonstration.“ Nagel, Mitglied im Landesvorstand der Linken Sachsens, räumte ein: „Sicherlich waren Erscheinungsbild und auch skandierte Sprüche mehr als gewöhnungsbedürftig.“ Um dann jedoch denen die Schuld dafür zuzuweisen, die solche Aktionen hätten unnötig machen können: „Es liegt in der Hand der Wurzener Bürgerschaft, ein Klima demokratischer Alltagskultur und Weltoffenheit zu leben, das einen anderen Anstrich und andere Methoden hat.“ Als zweiten Schuldigen machte die Antifa-Funktionärin die Polizei aus: „Wer thematisiert das massive und überzogene Aufgebot, das den Demonstrierenden von Anfang an mit Aggressivität und Misstrauen entgegentrat?“ — Das von vielen Bürgern erlebte Bild sah anders aus: Demo-Teilnehmer beschimpften Wurzener, zeigten ihnen den Stinkefinger, brachen aus, um die erlaubte Strecke zu verlassen, demolierten parkende Autos. Dem LVZ-Fotografen drohten sie, ihn aus dem Weg zu räumen, wenn er nicht verschwände. Und: Nicht bei allen Aufmarschierten war es möglich, ihre Identität festzustellen, weil sie ihr Gesicht verhüllt hatten — nach dem Versammlungsgesetz eine Straftat. Kerstin Köditz, Landtagsabgeordnete der Linken, die nach eigenen Worten als Beobachterin an der Demo teilnahm, äußerte sich gestern auf LVZ-Anfrage so: „Niemand kann sicherlich wirklich glücklich sein. Eine völlig verfehlte Polizeistrategie auch schon im Vorfeld einerseits, die mangelhafte Einbeziehung von Strukturen in Wurzen, die das inhaltliche Anliegen teilen, anderseits haben eine brisante Lage geschaffen. Ich erinnere aber daran, dass der Ursprung des diesjährigen Problems in den massiven Angriffen von Neonazis auf die Demo im vergangenen Jahr liegt. Ich bin mir sicher, dass eine intensive interne Auswertung diese Fehler für die Zukunft vermeiden wird.“ Wurzens Bürgermeister Gerald Lehne, der Oberbürgermeister Jörg Röglin derzeit vertritt, verwies gestern auf dessen Erklärung im Namen der Stadt und ihrer Bürger (LVZ berichtete) „Er hat sich eindeutig positioniert, indem er unter anderem betonte: ,Ich habe im Wahlkampf klare Worte zum Thema Rechtsextremismus gefunden, und dazu stehe ich. Ich weise in aller Deutlichkeit Versuche zurück, alle Wurzener Bürgerinnen und Bürger an den Pranger zu stellen.‘“ Dem sei nichts
hinzuzufügen, so Lehne. „Außer: Man darf sich nicht vermummen, wenn man Gesicht für Wurzen zeigen will. Unsere Wurzener Bürger zeigen täglich Gesicht. Wenn aus Demonstrationen heraus die Gefahr von Körperverletzungen und Sachbeschädigungen ausgeht, ist das kein akzeptables Mittel der Demokratie. Wir danken den Beamten der Polizei für ihr umsichtiges und engagiertes Handeln.“ Wulf Skaun
@w.skaun@lvz.de

Kein Ende?!

Leserpost LVZ 27.3.2009

Schwarze Menge machte Angst

Zum Thema „Antirassistischer Sonntagsspaziergang“ am 22. März in Wurzen im Allgemeinen und zum Leserbrief „Wurzener können es selbst beweisen“ von Frank Schubert im Besonderen (LVZ vom 25. März) schrieb uns Leserin Christa Bär aus Wurzen ihre Meinung: Als Wurzener Rentnerin, die von Anfang an jedes Jahr die Strecke zum Gedenken an die Todesmärsche der KZ-Häftlinge mitläuft — und das nicht als einzige Wurzenerin, die gegen Nazis demonstriert! — erlaube ich mir zu fragen, ob Herr Schubert am 22. März in Wurzen war? Ich glaube es nicht. Denn diese sich aufrührerisch gebärdende schwarze Menge war nicht weniger beängstigend als ein Aufmarsch von Neonazis. An solchem „Spaziergang“ teilzunehmen, hätte ich mich geschämt! Herr Schubert sollte mal erklären, wie jemand, der nicht bereit ist, Gesicht zu zeigen, die Zukunft der Demokratie sichert.

Krawalltouristen schaden nur

Zum selben Thema äußert sich auch unser Leser Wolfgang Gloger aus Wurzen: Zu diesem Antirassistischen Sonntagsspaziergang fällt mir außer Wut und Zorn nichts mehr ein. Seit Monaten versuchen viele Menschen, ihre Stadt Wurzen attraktiver, bunter, fröhlicher und lebenswerter zu gestalten. Ich erinnere nur an die Adventszeit, an den Weihnachtsmarkt oder wie zuletzt an das erste Wurzener Nachtshopping am 20. März. Wer dabei war, wird mir recht geben, dass es äußerst gelungene Veranstaltungen waren, die Lust darauf machen, hier in dieser Stadt zu leben und die Stadt zu erleben. Am darauf folgenden Sonntag kommen dann Krawalltouristen, die Wurzen wieder in eine Ecke stellen wollen, wo keine Ecke ist. Natürlich muss man sich mit politischen Gegnern auseinander setzen, aber doch nicht mit solchen Mitteln und solch einem Auftreten. Ich finde es einen Skandal, dass solche Personen unser wichtiges Grundrecht auf Demonstration und freie Meinungsäußerung so ausnutzen. Genauso übrigens, überhaupt so eine Form der Demonstration zu genehmigen beziehungsweise in dieser Form ablaufen zu lassen. Wurzener Bürger sind nicht mehr oder weniger gegen rechts als überall in der Bundesrepublik, in Europa oder sonstwo auf dieser Welt. Die Organisatoren dieser Veranstaltung sollten mal überlegen, wem sie mehr geschadet haben.

Jetzt wird der „Dreck“ weggeputzt!

LVZ 28.3

Viele Besen kehren gut

Von Wulf Skaun

Standpunkt

Der von vielen als ehrverletzend erlebte Antifa-Aufmarsch am 22. März hat die Wurzener offensichtlich zusammenrücken lassen. Das Redaktionstelefon klingelte heiß, und viele der aufgebrachten Stimmen ließen auch ihre Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt erkennen und dass man, ungestört von ungebetenen, weil unkooperativen Kräften von außerhalb, auch weiterhin aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit und Neonazismus vorgehen werde. Manche Botschaft vermittelte auch Wunsch und Bereitschaft, Wurzen für sich und gern gesehene Gäste noch attraktiver, schöner und sauberer zu machen. Wurzen politisch rein zu halten, ist eine ständige Aufgabe und Herausforderung für alle. Den wortwörtlichen Dreck aber mit dem Frühjahrsputz auszukehren, dem dient eine punktuelle Gemeinschaftsaktion. Am 4. April haben alle Bürger die Gelegenheit, schönen Worten handfeste Taten für ein fabelhaft sauberes Wurzen folgen zu lassen. Viele Besen kehren gut.

Wieder ein Dreck-weg-Tag
Wurzener Rathaus ruft alle Bürger zum öffentlichen Frühjahrsputz auf

Wurzen. 2005 war Schluss mit dem obligatorischen Frühjahrsputz der Stadt. Irgendwie fanden die Pläne des Rathauses für mehr Effektivität und größere bürgerschaftliche Bereitschaft nicht die erwartete Resonanz. 2009 soll aber wieder an die gute alte Tradition angeknüpft werden.
„Sonnabend, 4. April, ist Dreck-weg-Tag“, kündigen Kulturbetriebsleiterin Bettina Kretzschmar und Baubetriebshofleiter Steffen Horn bei einem Pressegespräch das erneute General-Saubermachen in Wurzen an. Von 9 bis 12 Uhr sollen möglichst viele Einwohner der Stadt Wurzen und der dazugehörigen Ortsteile zu Besen, Harke, Plastiksack und Eimer greifen, um den Winterdreck aus den Schmuddelecken zu kehren und ihren Heimatort auf Straßen und Plätzen, Wegen und Grünflächen frühlingsfein zu machen. „Wir setzen darauf, dass die Bürger nach dem Prinzip ,Jeder kehre vor seiner eigenen Tür‘ zunächst das eigene Wohn- und Geschäftsumfeld in Ordnung bringen. Wer dann noch überschüssige Puste und Lust auf ein Gemeinschaftserlebnis hat, kann gern auf den Markt kommen. Das gilt freilich auch für alle jene, die kein eigenes ,Pflegefeld‘ oder die Möglichkeit haben, direkt vor ihrer Haustür, in ihrer Straße oder auf vorhandenen Grünflächen Hand anzulegen“, rührt Bettina Kretzschmar kräftig die Mach-mit-Trommel. Schulen, Kitas, Vereine und Einrichtungen seien aufgerufen, sich an der Anti-Schmutzkampagne zu beteiligen. Bauhofleiter Steffen Hunger ergänzt: „Wir stehen auch auf dem Marktplatz mit Einsatzplänen und Gerätschaften bereit. Wer sich aber schon zuvor sein Säuberungswerkzeug bei uns organisieren möchte, kann das unter Telefonnummer 90 16 34 oder 90 16 35 gern tun.“ Im Übrigen sei auch der Baubetriebshof am 4. April besetzt und könne für den Abtransport von eingesammeltem Müll und Unrat angefordert werden. „In früheren Jahren hatte dieser Service zu falschen Schlüssen geführt. Deshalb sage ich es ganz deutlich: Wir entsorgen keine Elektrogeräte, Altreifen, Sperrmüll und dergleichen kostenfrei. Unsere gemeinsame Aufgabe am 4. April ist es, auch die Ecken mit Winterdreck aufzuspüren und zu beseitigen, die bei der regelmäßigen Stadtreinigung noch übrig geblieben sind.“ Oberbürgermeister Jörg Röglin und Kulturbetriebsleiterin Bettina Kretzschmar wollen übrigens im Doppelpack ihre Handschrift hinterlassen. Gemeinsam werden sie die Pergola hinter dem Alten Rathaus lasieren. Damit die Freude über die geleistete gemeinsame Aufräumarbeit auch gleich in geselliger Runde miteinander geteilt werden kann, habe Oberbürgermeister Jörg Röglin einen zweiten Aktionsschritt initiiert. „Er lädt alle fleißigen Helfer ab 12 Uhr auf den Markt ein, um sich mit ihnen in lockerer Atmosphäre auszutauschen“, macht Bettina Kretzschmar auf die auf größere Bürgernähe zielende Intention des Rathauschefs aufmerksam. Bei Bier und Rostern zum kleinen Preis könne man auch das Kapitel sauberes Wurzen noch in mehrerer Hinsicht diskutieren.
Wulf Skaun