Satire die nicht gedruckt wurde

Wir erhielten einen satirischen Bericht, der leider nicht abgedruckt wurde, daher möchten wir die mühe der AutorInnen nicht ungewürdigt lassen und veröffentlichen ihn hier, dies spiegelt daher auch nicht die Meinung der Gruppe wieder.Viel Spaß oder auch nicht;)
Desweiteren möchten wir auf den Bereich Presse nach der Demo verweisen, was da geschrieben wird zeigt einiges über die Einstellungen und Meinungen, besonders bei der LVZ.

EINE REPORTAGE:

Personen & Aussagen in diesem Text sind erfunden; Ähnlichkeiten mit tatsächlich existenten Aussagen oder Personen sind reiner Zufall.
Jedoch beruht der Text auf wahren Begebenheiten. Für weiterführende Informationen vgl. die Satirezeitung LVZ, Lokalausgabe Muldental, 23.3.09

„Wo sind die Faschisten?“ Wurzen genügt sich selbst – kein Problem mit Neonazis

Qualitative Umfrage der Wurzenzeitung bestätigt: „Ringelnatz statt Wurzen“ ist antifaschistisches Paradies – wären da nicht die Auswärtigen

Beschaulich liegt das brachliegende Kleinod der Keksfertigung Wurzen, die selbsternannte „Ringelnatzstadt“, im Zentrum des „mitteldeutschen“ (vgl. www.npd-sachsen.de; www.mdr.de) Muldentals darnieder. Rentner bevölkern zahlreiche Fenstersimse des Altenheims mit Stadtstatus. „Ruhe und Ordnung“ sind hier nicht nur Phrase – den Großteil des Jahres ist Wurzen heimliche Modellstadt des jeweilig deutschen Innenministers; die „goldene Hausnummer für gelebte Ruhe“ ist ein (leider) nicht existenter Ehrenpreis der Wurzenstadt. Neonazis benötigt die Stadt überhaupt nicht, zeigt nun eine Umfrage der einzigen Tageszeitung im pluralen Mediendschungel des Muldentals. Anlass der Meinungseinnahme war eine Phantomdemonstration – ein Netzwerk „sogenannter linker Populisten, die nicht mal die DDR gutfinden“, so das Rentnerfazit, machte das einzige Nichtproblem der „Stadt (keine Nazis) zum Thema und bekam mächtigen Gegenwind geballter Wurzner Linientreue.

„Was wollen die Fremden hier – hier is alles sauber!“ Rentner Gerhard G. ist sauer. Seit Jahren engagiert er sich – zumeist hinter der Gardine – gegen faschistische Umtriebe in Wurzen. Demokratie lebt er wie soviele im verfallsbedrohten Paradies in den eigenen vier Wänden. Doch gestern hat es ihn mal wieder auf die Straße getrieben: demokratischer Ehrgeiz und die schöne Erinnerung an den „deutschen Herbst ’89″ lockten nicht nur ihn nicht. Der Rummel war in der Stadt und begeisterte vor allem Alt mit exotischen Fahrgeschäften. „Früher hatten wir nur Trabis und Schwalben“, lacht G kurz auf. Doch sogleich fällt sein sozialismusgestähltes Betongesicht wieder zurück in Falten: das buntgraue Zentrum stolz-ostdeutscher Arbeitslosigkeit lässt die vielbesungene Ruhe („Kühe, Schweine, Ostdeutschland“) an diesem mittelmäßigen Sonntag vermissen. „Strikte Ablehnung“ der Wurzner „Bürger“ begegnete dem antirassistischen Sonntagsspaziergang. Dieser stand „unter Führung“, hatte also eine Führerin, das meint ein bis über beide Ohren durch informierter Umfrage- und Schriftkundiger, Angestellter der Muldentaler Lokalausgabe des demokratischen Zentralorgans Wurzenzeitung. Den Sitz des Oberkommandos der „Führung“ braucht dieser Lokalfürst, „Abteilungsleiter Feindaufklärung“ (Visitenkarte), nicht zu benennen; den kennen „seine“ Wurzner schon.

Jährlich schickt das geheime rote Oberkommando, „die Führung“ (Wurzenzeitung), Rotfaschisten aus dem roten Leipzig zur aktionsorientierten Freizeitgestaltung. Nicht nur Gerhard G. weiß: in Wurzen gibt es kein Problem mit Nazis – bis „die Bekloppten von Außerhalb“ einfallen. In der Hinsicht herrscht in der Ringelstadtnatz ruheständige Einigkeit. Auch Rentner Horst bekennt sich zum innerwurzner Pluralismus, kommen doch die Auswärtigen „aus Leipzig und sonst woher. Was unser Oberbürgermeister in der Wurzenzeitung gesagt hat, ist auch meine Auffassung. Wenn die Leute es wirklich ernst gemeint hätten mit ihrem Anliegen, dann hätten sie sich mit der Stadt verbündet. Wir brauchen keine Randale.“ Doch die Randaletruppe „von draußen“ will Randale, „und so geht der Schuss am Ende nach hinten los“, meint eine angepisste Frühvierzigerin. Ob sie sich am Zurückschießen beteiligt hätte, lässt die sympathische Vordenkerin des bewaffneten Arms der Dorfjustiz erstmal offen.

Wie so wenige Rein-Wurzner an diesem Tag zeigt auch Rentner Horst gern und ungefragt sein faltiges Gesicht, weiß er doch um die abschreckende Wirkung dieser grunddemokratischen Nacktheit. Genau die vermisste Rentner-Horst aber bei den Auswärtigen. Denn die wollten offensichtlich gar nicht Gesicht zeigen, erzirkelschloss der augenzeugende Ruheständler: „Dann hätten sie ihre Sonnenbrillen und anderen Mummenschanz weggelassen. Dafür haben sie aber einigen Wurzenern Schläge angeboten, kann ich als Augenzeuge sagen. Kein Wunder, dass viele Einheimische Angst hatten, eins auf die Schnauze zu kriegen.“ Welche „vielen Einheimischen“ da von nicht-heimischen Schlägen bedroht wurden, ist für die alteingesessene „Bürgerwehr im Ruhestand“ (www.die-Renntner.de) braunglas-klar. Die „regional befreite Zone“ Muldental musste und muss nämlich gegen „die drohende Überfremdung durch Großstadtgesocks“ geschützt werden – erfolgreich zumeist, so die Bilanz unterm Lokalen Aktionsplan Muldental des örtlichen „Heimatschutzes“. Dass dies nicht der Polizei überlassen werden darf, zeigte sich nun wieder bei dieser „Affenschande in der Demokratie“; Neurentner Lutz (65) meint die Versammlungsfreiheit. „Sowas gab es früher nicht! Die reine Geldverschwendung, wenn man an die vielen Polizeibeamten denkt, die wegen der Leute von draußen gebraucht werden.“ Er könne nicht begreifen, „warum die, nur weil es auch in Wurzen so einen rechten Laden gibt, immer hierher kommen.“ Begreifen fällt nicht nur ihm schwer; viele Begriffe wiederum kennt er auswendig: „Die Gewalt ging von den sogenannten Linken aus, diesen Populisten.“

„Und die stören dann hier Ruhe und Ordnung!“, so ein weiterer Rentner im direkten Vergleich. „Ich kann nur sagen: zum Glück gibt es noch ein paar aufrechte Jugendliche, die die Innenstadt befrieden!“ Tatkräftig und vor allem ehrenamtlich (sic!), 364 Tage im Jahr. Wäre da nicht der Polizeischutz (größtenteils von außerhalb(!)) für die „fremdrote Demonstration“, die hier noch bekannte 99-Prozent-Quote des Wurzner „5-Jahresplans für gegen Randale“ (OB Ringelnatz) wäre in diesem Jahr übererfüllt worden.
Denn gegen diese „sogenannten Linken“ helfen sie aus, die defensiv-friedlichen, die wirklichen Wurzner Ordnungshüter. Die wenigen verbliebenen aufrechten Jugendlichen, ein eigentlich gar nicht so kleines Häuflein, welches den Vorstellungen des gelebten demokratischen Antifaschismus Wurzner Provenienz deutlichst entspricht. Äußerlich wie innerlich aufgeräumt tragen sie den Wurzner Volkswillen auf die Straße. „Wurzen erwache!“ Eine beliebte wie unnötige Parole, die (noch) nie jemand gebraucht hat, die aber eine Endlösung der Auswärtigen-Frage verheißt. Hoffnung keimt in der Ringelstadt Wurznatz, lebendig und bunt wie ihre Bewohner.


1 Antwort auf „Satire die nicht gedruckt wurde


  1. 1 Wurzen war… « Ladenschluss . Aktionsbuendnis gegen Nazis. Pingback am 29. März 2009 um 15:41 Uhr
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