Rassistenzone Sorglosland … – Teil 2

Im zweiten Teil geht es um den Muldentalkreis besonders um Colditz, in dem Aufruf für die Demonstration am 22.März in Wurzen ist nicht umsonst die Rede von Naziterror. Dies soll in dem Beitrag genauer erklärt werden.

In Colditz und Umgebung kann mittlerweile wieder die Bezeichnung „No- Go-Area“ verwendet werden. Besonders die Stadt Colditz sowie die angrenzenden Gemeinden haben sich zu solch einer Zone für MigrantInnen und nichtrechte Menschen entwickelt.
Auch hier ist nicht nur die gut vernetzte Naziszene das Problem, sondern auch die politischen Vorstellungen innerhalb der Gesellschaft (Stadtgesellschaft), die damit den Nazistrukturen den Rücken stärken. Rechte Jugendliche dominieren das Stadtbild, sei es in den lokalen Jugendzentren, Schulen oder anderen Treffpunkten, die Nazihegemonie ist bereits so stark ausgeprägt, dass KritikerInnen und GegnerInnen Gefahr laufen Opfer von Gewalt zu werden. Die Formen der Einschüchterungen und Gewalt reichen von „Outing“-Flugblättern, Telefonterror, Morddrohungen bis zu Körperverletzung oder Anschlägen auf Einrichtungen/Personen. Den Höhepunkt, der auch überregionale Beachtung fand, stellt das Geschehen am 23.2.08 da. An jenem Abend versammelten sich etwa 100 Neonazis in Colditz und überfielen ein Elektrogeschäft, eine Turnhalle sowie einen Dönerimbiss. Die Angreifer warfen mehrere Brandsätze, eine Nebelgranate und demolierten das Ladengeschäft des Elektrohändlers. Dieser hatte zuvor einigen alternativen Jugendlichen die Nutzung der Turnhalle für Konzerte erlaubt.

http://de.indymedia.org/2008/02/208896.shtml
http://www.redok.de/content/view/1031/36/
http://www.ndk-wurzen.de/modules/wfsection/article.php?articleid=988

Die Reaktion des Bürgermeisters bestand darin weitere alternative Konzerte zu verbieten, denn die Nazis waren wie immer nicht das Problem, sondern jene die von ihnen Angegriffen werden und die Nazis mit ihrer Präsenz „provozieren“.

Nazistruktur in Colditz

Neben zahlreichen rechtsorientierten Jugendlichen und dem typischen „Dorfnazi“-Klientel gibt es einige gut organisierte Strukturen mit festem Personalstamm und wachsendem Mobilisierungspotential. Zu dem zählen sich „erlebnisorientierte“ Jugendliche, die oft der lokalen Freefight-Szene entstammen.
Bemerkenswert sind auch die Kontakte der Colditzer Naziszene zu benachbarten Regionen. Hier gibt es organisatorische Querverbindungen und personelle Schnittmengen mit Nazis aus dem Landkreis Döbeln und der verbotenen Mittweidaer Kameradschaft „Sturm 34“.

Zentrale Institution in der Region ist das „Bündnis für Deutschland“. Es versteht sich als „Heimatschutz“-Netzwerk, besteht aus 30 Personen und tritt mit einer eigenen Website an die Öffentlichkeit. Das zugehörige Postfach führt zu einem Michael Valentin, der schon seit Jahren aktiver Neonazi ist. Unterstützt wird das Bündnis auch durch Jens Schober aus Leisnig. Schober war früher Kopf der aufgelösten „Nationalen Sozialisten Leisnig“ und schon mehrfach Anmelder von Kundgebungen und Aufmärschen, unter anderem in Delitzsch und Merseburg. Einst soll er versucht haben, eine Ortsgruppe des im Juli 2008 aufgelösten „Kampfbundes Deutscher Sozialisten“ (KDS) in Leipzig aufzubauen, hat sich dann aber mit dessen Führungsfigur Axel Reitz überworfen. Nach weiteren Streitereien kam es zum Bruch zwischen Jens Schober und Figuren der überregionalen Neonaziszene. Mittlerweile hat er seine Aktivitäten deshalb auf Leisnig und den südlichen Muldentalkreis beschränkt. Das „Bündnis für Deutschland“ verteilt regelmäßig eigene Flugblätter, organisiert unter dem Slogan „Heimat, Familie, Freunde, Gemeinschaft“ eine monatliche Veranstaltungsreihe, die einen regionalen Vernetzungscharakter hat. Bis zu 70 Personen nehmen regelmäßig an diesen Ausflügen und Kameradschaftsabenden teil. Wie gut die Vernetzung der einzelnen Gruppen im Detail funktioniert, zeigt folgendes Beispiel: Am 14. April 2008 wurde ein Friedensgebet in der Colditzer Schlosskirche von etwa 40 NPD-Anhängern, darunter der NPD-Landtagsabgeordnete Winfried Petzold( jetzt mit Büro in Leipzig) und parteifreien Nazis gestört. Sie besetzten die letzten Bänke der Kirche, verteilten Flugblätter, hielten Transparente in die Luft und fotografierten alle Anwesenden ab. Schon zwei Tage zuvor referierte der bekannte Altnazi Manfred Röder im Gasthof Zollwitz, unweit von Colditz. Etwa 100 ZuschauerInnen besuchten seinen Vortrag, darunter nicht nur NPDler, sondern auch „freie Nationalisten“.
Besonders die NPD profitiert von der Nazihegemonie der Region und holt ortsansässige Kader in ihre Strukturen. Zur Kommunalwahl trat neben dem Colditzer Stephan Behne auch der 22-jährige Hannes Hübel für die NPD an. Hübel, selbst aus Colditz, war an zahlreichen Überfällen auf Jugendliche beteiligt und ist regelmäßiger Gast bei wichtigen Nazievents, so etwa im Herbst 2007 beim „Fest der Völker“ in Jena. Die regionale NPD hat folgerichtig ihren Aktionsschwerpunkt nach Colditz verlagert und baut die Zusammenarbeit mit lokalen Nazis weiter aus.
Zudem nutzen große Teile des Umfelds der verbotenen Kameradschaft „Sturm 34“ die Region als neues Domizil, nachdem ihnen dies in Mittweida und Umgebung nicht mehr gelingt.
Selbst im Umland von Colditz ist nichts besser: Der nahe gelegenen Ort Koltzschen wurde zu Pfingsten von der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) besucht. Sie hielte dort ihr diesjähriges „Pfingstlager“ mit über 150 Kindern und Jugendlichen ab. Neben Parteistrukturen und Kameradschaften existiert in der Region mit den „Shamrock Fighters“ ein Freefight-Club, der gerade in Colditz Fuß fasst. Personen aus dem Umfeld dieser Gruppe waren am Angriff auf eine antifaschistische Demonstration am 16. März 2008 in Wurzen beteiligt. Bekanntestes Mitglied dieser „Sportgemeinschaft“ ist der Thaiboxer Ricky Hartung aus Hausdorf bei Colditz. Er ist auch bei den „Fighting Fellas“ in Wurzen aktiv. In Wurzen befand er sich beim Angriff auf die Antifademo unter den 70 AngreiferInnen.
Einer der Förderer der lokalen Freefight-Szene und nachweislicher Nazi-Sympathisant ist ein ortsansässiger Unternehmer. Jene – juristisch entsprechend vorbelastete – Person tritt als Scharnier zwischen Nazigruppen, organisierter Kriminalität und Rotlichtszene auf. Durch seine Hilfe erhält die örtliche Naziszene finanzielle Zuwendungen und anderweitige Unterstützung aus diesem Umfeld.
Kein Wunder also, dass selbst eine bundesweit tätige Gruppe wie die HDJ die Region für ihre Aktivitäten auswählt. Die funktionierende Zusammenarbeit von NPD, Kameradschaften und Sympathisanten in der rechtsdominierten Jugendkultur haben dazu geführt, dass sich Colditz – samt Umgebung – zur Nazihochburg entwickelt hat. Neben dem Landkreis Mittweida und der Sächsischen Schweiz ist diese Region derzeit eine der dunkelbraunsten Flecken im ohnehin schon braunen Sachsen.

Die antirassistsiche/antifaschistische Demonstration in Wurzen soll dieser Hegomonie in Sachsen und gerade in der Provinz Etwas tatkräftig entgegensetzen.

https://www.chronikle.org:3016/kategorie/3/218
https://www.chronikle.org:3016/kategorie/3/215
http://www.zeit.de/online/2008/52/npd-buergerbuero-leipzig

Der Artikel ist fast identisch mit dem Beitrag des antifaschistischen Infoportals Colditz, zu finden unter anderem hier:

http://gamma.antifa.net/gamma/gamma183-web.pdf
http://aardl.blogsport.de/2008/08/19/colditz-eine-national-befreite-zone-in-sachsen/

weitere Informationen zum „Sturm 34“:

http://www.redok.de/content/view/645/36/
http://www.youtube.com/watch?v=6rRFt_fNDKM
http://www.youtube.com/watch?v=JjVTHJy6L0Y

Die Region um Wurzen wird auch Thema der Demonstration in Wurzen am 22.März sein. Zu der hiermit nochmals Aufgerufen wird.

weitere Informationen für Leipzig und Region:

https://www.chronikle.org:3016/
http://www.left-action.de/
http://ladenschluss.blogsport.de/
http://gamma.antifa.net/
http://www.left-action.de/antifa/