Rassistenzone Sorglosland – Teil 1

An dieser Stelle sollen Ereignisse in Leipzig und dem Leipziger Umland im Jahre 2008 dargestellt/dokumentiert werden und auf den antirassistischen Sonntagsspaziergang in Wurzen hingewiesen werden. Besonderer Schwerpunkt wird dabei für das Leipziger Umland das Muldental einnehmen.

Beginnen wollen wir mit Leipzig.
„Rassistenzone Sorglosland – Es gibt kein ruhiges Hinterland“

Leipzig

Die Naziszene war in vergangenem Jahr besonders aktiv und trat dabei geschlossener und organisierter auf als dies in den letzten Jahren der Fall war.
Neben den Freien Kräften aus Leipzig und Umland und der NPD spielten auch die Fussball-/ Hooliganszene dabei eine entscheidende Rolle. Als exemplarisches Beispiel sind dabei die Blue Caps (“Fangruppierung”) des Fußballvereines Lokomotive Leipzig zu nennen, die sich für Übergriffe und Aktionen gerne Unterstützung aus Halle organisieren. Sie Übernehmen als “Fangruppierung” auch Ordneraufgaben bei Naziveranstaltungen und beteiligen sich auch öffentlich an Nazidemonstrationen [1].Mittlerweile wurde gegen die Blue Caps ein Stadionverbot verhängt, jedoch nur gegen die Symbole der Gruppe im Stadion, nicht gegen die Mitglieder der Blue Caps. Ziel der Angriffe der Blue Caps ist vor allem die Fangruppierung Diablos, eine antirassistische Fangruppe der BSG Chemie Leipzig. Exemplarische Beispiele sind, der Angriff auf die Weihnachtsfeier am 8.12.2007 [2] und der Überfall am 3.01.2009 bei einem Hallenturnier [3].

Im vergangenen Jahr kam es zu 6 angemeldeten Demonstrationen der Nazis in Leipzig.
Am 12. Januar gab es zum Beispiel einen intern organisierten Aufmarsch der „Freien Kräfte Leipzig“ durch die Stadtviertel Reudnitz, Anger-Crottendorf und Stötteritz mit 350 teilnehmenden Nazis. Weitere Informationen zu Demonstrationen sind chronologisch hier zu finden:
https://www.chronikle.org:3016/kategorie/2/49/
Inhaltlicher Schwerpunkt war für die Nazis im vergangenen Jahr das Thema Kindesmissbrauch [4], besonders nach dem Mord an einem Mädchen in Reudnitz. Dabei war es maßgeblich die Naziszene, die die Demonstrationen organisatorisch und thematische nach dem Mord bestimmten. Sie wähnten sich dabei als Vertreter des Volkszorns.

Des Weiteren kam es zu vermehrten Übergriffen gegenüber Personen und Angriffen auf Läden und Fahrzeuge. Dabei wurde auch vor Brandanschlägen nicht zurück geschreckt. Am 20. April wurde in Connewitz ein Brandanschlag auf den Fischladen, den Fanladen des Roten Stern Leipzig verübt [5] und am 24. November auf das KOMM-Haus einem soziokulturellen Zentrum in Grünau [6], welches schon vorher Ziel von Angriffen war. Die Räume des KOMM-Hauses brannten bei dem Brandanschlag komplett aus.
Während zu beginn des Jahres 2008 das Hauptaktionsfeld in Reudnitz lag [7], welches wohl mit dem Wohnort von Istvan Repaczki zu tun hatte, der einer der Schlüsselfiguren der Freien Kräfte Leipzigs ist, änderte sich dies mit der Eröffnung des Abgeordnetenbüros des Landtagsabgeordneten der NPD, Winfried Petzold, in Leipzig-Lindenau [8]. Dabei dient das Büro seit seiner Eröffnung als Mobilisierungs- und Treffpunkt der Nazis, sowie als Ausgangspunkt für Angriffe auf Linke und für Einschüchterungsversuchen gegenüber alternativen Projekten.

„Mit der zunehmenden regionalen Vernetzung ist eine Vergrößerung des Mobilisierungspotentials der Nazis zu beobachten. Die Nazis setzen auf verschiedene Aktionsformen, es gab eine Vielzahl von Aufmärschen, Kundgebungen und Propagandaaktionen in Leipzig. Darüber hinaus werden die Aktionen der Nazis zunehmend militanter – vor allem im Zusammenhang mit Fußball suchen Nazis gezielt die körperliche Auseinandersetzung“ heißt es im Conne Island Newsflyer ( http://www.conne-island.de/nf/162/3.html)

[1] https://www.chronikle.org:3016/node/179
[2] https://www.chronikle.org:3016/node/547
[3] https://www.chronikle.org:3016/node/635
[4] https://www.chronikle.org:3016/kategorie/2/139/
[5] https://www.chronikle.org:3016/node/37
[6] https://www.chronikle.org:3016/node/419
[7] https://www.chronikle.org:3016/kategorie/2/1/3/
[8] https://www.chronikle.org:3016/kategorie/2/218/

Wurzen

Schon seit Anfang der 90er Jahre gibt es in Wurzen eine Neonaziszene, die durch Übergriffe auf MigrantInnen, Andersdenkende und alternativ aussehende Menschen, durch rechte Graffitis, Aufkleber und durch Nazikonzerte im Umland auf sich aufmerksam macht. Dabei steht Wurzen „nur“ beispielhaft für die Verhältnisse im Landkreis Leipzig. Erinnert sei an Colditz, wo im vergangenen Jahr ein wahrlicher Naziterror ausgeübt wurde, Borna, wo die „Gedächtnisstätte“ sich als Zentrum von Holocaustleugnern etabliert oder Koltzschen, wo die „Heimattreue Deutsche Jugend“ 2008 ein Sommerlager durchführte.
In den 1990er Jahren erfuhr Wurzen aufgrund der massiven Nazibedrohung und des Versagens der Politik, dieser zu begegnen, bundesweite Aufmerksamkeit. Wurzen galt als DAS Beispiel für “national befreite Zonen” in Deutschland.

Mit dem Naziversandhandel „Front Records“ stellt Wurzen auch heute eine wichtige Schaltstelle für Nazistrukturen dar. „Front Records“ & Co waren auch Themenschwerpunkte des Antirassistischen Sonntagsspaziergangs 2008. Während der gesamten antifaschistischen Aktion versuchten ca. 70 Nazis mehrmals die DemonstrantInnen anzugreifen. Vor Ort war auch der die Demonstration abfotografierende NPD-Stadtrat, Wolfgang Schroth. Die Polizei war mit 44 Beamten deutlich in der Unterzahl. Einige WurznerInnen hatten zudem nichts Besseres im Sinne als die Antifaschist_innen zu beschimpfen.

Doch nicht nur die organisierte Naziszene hat sich in der Stadt gefestigt. Ihre weitestgehend unwidersprochene Etablierung ist eng mit Desinteresse und Ignoranz der Stadtgesellschaft verknüpft Auch heute ergreift ein nicht unbeträchtlicher Teil der WurznerInnen ganz bewusst Partei für rechte Einstellungen. Zu den Kommunalwahlen 1999 konnte die NPD mit 5.1 % in den Stadtrat von Wurzen einziehen. 2004 maximierte sie ihren Stimmanteil auf 11.8 %. Derzeit sitzen drei NPD‘ler unter dem Vorsitz von Wolfgang Schroth im Stadtparlament.

Daher wird am 22.März um 14uhr am Wurzener Bahnhof zum wiederholten male eine antifaschistische und antirassistische Demonstration starten.

Für den Leipzigteil wurde als Grundlage der Artikel im Conne Island Newsflyer genommen, der sehr lesenwert und zu empfehlen ist: http://www.conne-island.de/nf/162/3.html

Weitere Themen der nächsten Artikel werden “Front Records”, Colditz, genauere Ereignisse in Wurzen und Rassismus in der Gesellschaft sein.

Die VeranstalterInnen der Demonstration in Wurzen mobilisieren unter dem Motto:

“Rassistenzone Sorglosland – Es gibt kein ruhiges Hinterland“ und weiter “Wir sind nicht bereit, diese Verhältnisse in Wurzen und anderswo länger hinzunehmen. Wir werden die Nazistrukturen und den rassistischen Konsens überall aufdecken und mit allen Mitteln bekämpfen.
In diesem Sinne rufen wir für den 22.3.09 nach Wurzen auf:
Den Nazis das Hinterland versauern, „Front Records“ & Co eine klare Absage erteilen und dem Klima von Ignoranz und Schweigen entgegentreten! “

Weitere Infos für Leipzig und Sachsen auf:

www.chronikle.org
www.left-action.de
www.ladenschluss.blogsport.de